Hat SBB Infrastruktur ein grösseres Sicherheitsproblem?
Von einem grundsätzlichen Sicherheitsproblem würde ich sicher nicht sprechen. Tatsache ist aber, dass es in diesem Frühjahr zu einer Häufung von Beinaheunfällen gekommen ist. In mehreren Fällen war dem Vernehmen nach auch viel Glück im Spiel, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Der Videoaufruf von Linus Looser zeigt, dass die Unternehmensleitung die Situation ernst nimmt und das Thema Sicherheit wieder verstärkt ins Bewusstsein aller Mitarbeiter:innen rücken will. Genau das ist wichtig: Sicherheit darf nie zur Nebensache werden.
Vor vier Jahren hat der SEV eine Unfallserie auf Baustellen der SBB öffentlich gemacht. Danach gab es Arbeitsgruppen und zahlreiche Gespräche mit der SBB. 2023 wurden verschiedene Massnahmen beschlossen. Hat man bei der Umsetzung gezögert?
Aus meiner Sicht nicht. Der SEV hat nach der Unfallserie erheblichen Druck aufgebaut und gemeinsam mit der SBB konkrete Verbesserungen erarbeitet. Ein wichtiger Erfolg ist, dass Sicherheit heute als ständiges Traktandum zwischen der Leitung Infrastruktur und den Sozialpartnern behandelt wird. Damit wird das Thema regelmässig auf höchster Ebene diskutiert und nicht erst nach einem schweren Ereignis. Gleichzeitig ist Sicherheit keine Aufgabe, die irgendwann abgeschlossen ist. Zeitdruck, Personalmangel und hohe Arbeitsbelastung führen dazu, dass Sicherheitsfragen im Alltag schnell in den Hintergrund geraten können. Umso wichtiger ist es, dass sie immer oberste Priorität behalten.
Immer wieder ein Sicherheitsproblem war in der Vergangenheit der Einsatz von externen Unternehmungen, unter anderem weil deren Personal oftmals sicherheitstechnisch weniger gut geschult war als das SBB-Personal. Wie sieht es heute aus?
Hier besteht weiterhin Handlungsbedarf. Gerade bei Drittfirmen sehen wir nach wie vor Unterschiede bei der Ausbildung und insbesondere auch bei der Kontrolle der Arbeitszeiten. Diese Standards sind nicht überall gleich hoch wie bei der SBB. Das kann auf Baustellen erhebliche Risiken mit sich bringen. Der SEV hat deshalb immer wieder darauf hingewiesen, dass sicherheitskritische Arbeiten nur mit gut ausge-bildetem und ausreichend betreutem Personal ausgeführt werden dürfen. Sicherheit darf nicht dem Spardruck oder dem Outsourcing geopfert werden.
Alle Sicherheitsmassnahmen nützen nichts, wenn man sich am Arbeitsplatz nicht daran hält. Was kann jemand tun, der das Gefühl hat, die Sicherheit am Arbeitsplatz sei nicht gewährleistet?
Das Wichtigste ist, den Mut zu haben, Stopp zu sagen. Linus Looser hat klar erklärt, dass die Geschäftsleitung hinter den Mitarbeiter:innen steht, wenn Arbeiten aus Sicherheitsgründen unterbrochen werden. Diese Rückendeckung ist wichtig. Gleichzeitig wissen wir, dass es im Arbeitsalltag nicht immer einfach ist, eine Arbeit zu stoppen oder auf Mängel hinzuweisen. Deshalb braucht es eine Sicherheitskultur, in der solche Hinweise ernst genommen werden und niemand Nachteile befürchten muss. Wer den Eindruck hat, dass Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten werden, sollte dies ansprechen, den Vorgesetzten informieren und bei Bedarf auch den SEV oder die Sicherheitsverantwortlichen einschalten. Denn am Ende gilt: Keine Arbeit ist so dringend, dass sie unter unsicheren Bedingungen ausgeführt werden muss.
Michael Spahr