2022 ist ein unfallträchtiges Jahr auf dem SBB-Netz. Vor allem bei Arbeiten für Bau und Unterhalt im Gleisbereich passierten viele schwere und zum Teil tödliche Unfälle. Wie bereits in der SEV-Zeitung berichtet, gelangten der SEV-Unterverband BAU und der SEV schriftlich an die SBB und verlangten eine schnelle Aussprache. In diesem Schreiben wurden fünf Themenfelder aufgeführt, die untersucht werden sollten.
Die Spitze der SBB Infrastruktur reagierte und traf sich dann kurzfristig am 1. November mit dem SEV. Sie zeigte sich sehr offen, über die genannten Punkte nicht nur zu sprechen, sondern dazu auch Arbeitsgruppen zu bilden. Im Laufe der offenen Aussprache ergaben sich zwei weitere Themenfelder, sodass sich nun insgesamt sieben Arbeitsgruppen mit je einem Thema und einer entsprechenden These auseinandersetzen. Sie wollen die Lösung der Probleme möglichst rasch und konkret angehen. Bis am7. Dezember sassen Vertreter des SEV und der SBB bereits in sechs Arbeitsgruppen mindestens einmal zusammen. Schon jetzt ergaben sich erste Erkenntnisse, die nicht unbedingt zu einer sofortigen Besserung führen, aber Schwächen und mögliche Verbesserungen aufzeigen konnten.
Die gemeinsam vereinbarten Vertiefungsthemen lauten:
- Kontrolle Arbeiten von Drittfirmen - These: Mangelhafte Umsetzung von gesetzlichen Vorgaben durch Dritte, worunter auch krasse Beispiele wie Doppelschichten am gleichen Tag. Keine oder mangelhafte Kontrolle.
- Flut an Informationen, Systemen, Arbeitsmitteln - These: Die Mitarbeitenden werden laufend zugedeckt mit zusätzlichen Systemen, Arbeitsmitteln, Prozessen und Formularen. Wichtiges und Unwichtiges verschwimmt. Die Situation beeinträchtigt die Aufmerksamkeit, auch für die Sicherheit.
- Ausschreibungen und Vergaben - These: Für viele Mitarbeitende und den SEV sind einige Ausschreibungen und Vergaben gerade unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit nicht nachvollziehbar. Keine Erfahrung und schlecht ausgebildete Leute werden bemängelt.
- Genügend Zeit und Ressourcen für Schulungen - These: Immer mehr Halb- und Nichtwissen bei wichtigen Themen. Wichtige Sicherheits- und Arbeitsvorgaben können nicht einfach der Selbstverantwortung und dem Selbststudium überlassen werden.
- Einbezug Nutzende bei Systementwicklungen - These: Systeme werden zu oft nicht mit genügendem Einbezug der Basismitarbeitenden ausgearbeitet und ausgerollt.
- Stabile Personaldisposition / Schichtplanung - These: Häufige Schichtwechsel in kurzer Zeit sind für Konzentration und Aufmerksamkeit gefährlich. In der Planung entstehen zu viele Friktionen, die kurzfristige Unsicherheit in jeder Hinsicht bringen können.
- Meldewesen - These: Meldungen über fehlbare Handlungen, Beinahe-Unfälle etc. sind offensichtlich sehr wenige vorhanden. Probleme beim Zugang, Umgang damit oder fehlende Reaktionen der SBB-Stellen («Es passiert ja doch nichts!»).
Für Urs Huber, SEV-Gewerkschaftssekretär und Leiter des Bereichs Infrastruktur, ist der offene und rasche Umgang der SBB mit den Forderungen der SEV-Basis positiv: «Bei dieser schlimmen Situation mit den viel zu vielen schweren Unfälle, können wir nun wenigstens hoffen, dass man gemeinsam mit der SBB Verbesserungen und Massnahmen erreichen kann – für mehr Sicherheit aller Kollegen und Kolleginnen im Bahnbereich.»
Nach der Veröffentlichung des Schreibens erhielt der SEV unzählige Hinweise von vielen Mitarbeitenden und Vorgesetzten aus allen Bereichen. Das ist gut, denn es ermöglicht dem SEV, ganz konkret und aktuell vorzugehen. Wie immer ruft Urs Huber alle Mitarbeitenden auf, für sich und ihr Umfeld Sicherheit als oberstes Gebot hochzuhalten. Viele unsichere Handlungen gehen zwar glimpflich aus. Sie sollten aber auch immer ein (letztes) Warnsignal sein.
SEV